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Falls du mich suchst: Bin im Wandel

06/04/2020

„Hammer, so ne unsanierte Bude hab ick zuletzt nacher Wende gesehn“, sagte ein Freund, als er mich kurz nach dem Einzug in meiner ersten Berliner Wohnung besuchte. „Willste nicht lieber woanders hin?“

Doch mein Herz klebte an der Bude. Der Blick über die Dächer zur Goldelse, wie die Morgensonne die Küche flutete, die hohen Decken des Altbaus aus der letzten Jahrhundertwende, die geschwungenen Messingklinken an den Türen, der Dielenboden. Unter mir ein kettenrauchender Rentner, über mir nur der Dachboden.

Ich hielt fest, selbst als sich an der Decke immer mehr braune Flecken vom Herbstregen ausbreiteten. Der Winter stand bevor, die Heizung kam kaum gegen den Zug an, den die undichten Fenster durchließen. Statt auszuziehen, taufte ich meine vier Wände „Alaska“, rieb mir die blaugefrorenen Hände, aber blieb.

Eines Tages saß ich auf dem Klo, als es über mir bröckelte. Einen Moment später knallte dicht neben der Schüssel eine Ladung Schutt runter. Dass ich nicht dort stand, sondern friedlich mein Geschäft verrichtete, rettete mir buchstäblich den Hintern.

Ich spürte den Wind der Veränderung. Oder jedenfalls einen kräftigen Luftzug vom Dachboden.

Just zu der Zeit trennte sich auf der anderen Seite der Stadt mein bester Kumpel von seiner Frau. Ein Zimmer wurde frei. Ich packte meine Habseligkeiten und zog ein.

Mit dem Kumpel richtete ich mich gut ein, wir begrünten den Balkon, stimmten den Essensplan ab. Es ist anders als in meiner alten Bleibe, aber es ist gut. Die Badezimmerdecke hält.

Ein paar Monate nach dem Umzug legte der Virus das Land lahm. Jetzt verbunkert der Nachbar, bei dem ich ein Päckchen abhole, das Gesicht hinter einem selbstgebastelten Spritzschutz aus Plexiglas. Auch ich trage, um andere zu schützen, eine Maske, die meine Mutter aus alten Stoffresten genäht hat. Beim Händewaschen singe ich schon länger nicht mehr Happy Birthday – viel zu langweilig. Ich bin zu La Isla Bonita, La Bamba und La Marseillaise übergegangen. Die Menschen um mich herum sehe ich jetzt wirklich an. Und die gucken zurück. Die Frau, die mir mit ihrem Rauhaardackel auf dem Trottoir entgegenkommt, der Herrn im Sakko, dem ich am Supermarkteingang höflich Platz mache – fast kommen sie mir vor wie alte Bekannte.

Unbequem ist das Leben geworden. Lästig die vielen Vorkehrungen, wenn auch notwendig. Manches furchteinflößend: Wie die Menschen, die in ihren vier Wänden derzeit ein Klopapiergroßlager anlegen, das der Albtraum aller Feuerwehrleute sein muss.

Die Zeit dehnt sich auf merkwürdige Weise. Unsicher ist die Gegenwart, ungewiss die Zukunft. Risikoreich für Krankenhauspersonal und Supermarktkassierer, aufreibend für diejenigen, denen die Lebensgrundlage flöten geht, wenn sie ihre Miete oder ihren Kredit nicht abbezahlen können.

Aber es gibt auch good news: Menschen, die in systemrelevanten Jobs mit geringem Gehalt arbeiten, erfahren endlich Wertschätzung – was sich hoffentlich bald auch dauerhaft auf ihrem Konto zeigt. Andere bieten ihre Hilfe in der Freizeit für Nachbarschaftseinkäufe und als Erntehelfer an, spenden, engagieren sich.

Und der Mitbewohner hat hochprozentiges Oberwasser: Im Keller hat er sechs Flaschen mit je einem Liter 96,6-prozentigem Bioethanol wiedergefunden – jetzt kann er alles desinfizieren, was nicht bei drei auf dem Baum ist.

Es gilt, die Veränderung anzunehmen, anständig und vernünftig zu bleiben. Sich fürsorglich zu verhalten – der älteren Dame im Haus nebenan gegenüber genauso wie Obdachlosen oder den geflüchteten Menschen, die in Lagern innerhalb und außerhalb Europas ausharren – eben allen, die besonders schutzbedürftig sind.

Wenn ich diese Zeit aus der Zukunft betrachte, in der die unmittelbare Gefahr vorüber ist, wie dächte ich dann über sie? Das Virus stellt infrage, was bisher unverrückbar erschien. Es könnte sich als Wendevirus entpuppen – was Europa angeht, die Digitalisierung, das soziale Gefüge, die Globalisierung und vieles mehr. Nicht mal die Art, wie wir uns begrüßen, ist von Bestand.

Noch sind wir nicht umgezogen in diese Zeit.

Sie könnte ein gutes Zuhause werden, aber das liegt halt an uns.

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